HISTORISCHE Ostdeutsche Heimatsammlungen in NRW

Glossar

Allenstein

Allenstein liegt im südwestlichen Ostpreußen, an der Alle, ca. 100 km südlich von Königsberg und 140 km südöstlich von Danzig. Heute ist die Stadt – poln. Olsztyn – Sitz des Erzbistums Ermland, der polnischen Woiwodschaft Ermland-Masuren und einer Universität. Sie hat ca. 175.000 Einwohner und pflegt u.a. eine Partnerschaft mit Gelsenkirchen, der Patenstadt der vertriebenen Allensteiner.

1346 wurde das Gebiet an der oberen Alle dem ermländischen Domkapitel als weltliches Territorium zugesprochen. Das Ermland war eines der vier Bistümer des Mitte des 13. Jahrhunderts begründeten Deutschordensstaates. Die Domherren wollten das Gebiet besiedeln und errichteten auf einer der Halbinseln an der Alle eine Burg, in deren Schutz sich deutsche Siedler niederließen. 1353 erhielt die Siedlung Stadtrecht. In der Burg residierte ein Vogt des Domkapitels, dessen oberster weltlicher Beamter, und ein Administrator des Domkapitels, dessen geistlicher Verwalter. Dieses Amt hatte einige Jahre der Domherr, Arzt und Astronom Nicolaus Copernicus inne, 1516 – 19, 1521 und 1524.

Wegen der vielen Kriege und ihrer Folgen musste man immer wieder neue Siedler anwerben, unter ihnen waren auch viele Masovier. Zu den Kriegen zählten: 1410 der Krieg zwischen Deutschem Orden und Polen-Litauen, 1454 – 1466 der Ständekrieg innerhalb des Landes, 1626 – 1629 der Krieg zwischen Polen und Schweden, 1701 – 21 der Nordische Krieg, 1807 wurde die Stadt von Napoleons Truppen und 1914 von russischen Truppen besetzt. Kriege und Großfeuer zerstörten die Stadt wiederholt. Auch im Januar 1945, nach der Einnahme durch sowjetische Truppen, wurde die Innenstadt ca. zur Hälfte niedergebrannt.

Seit 1466 hatte das Bistum Ermland zur Krone Polen gehört, seit 1772 gehörte es zu Preußen. Damals hatte Allenstein ca. 1800 Einwohner. Nach der Gründung des Deutschen Reiches wurde die Stadt 1872/73 an die Preußische Ostbahn angeschlossen, die von Berlin über Thorn und Insterburg bis Memel führte. So wurde die Entwicklung der Stadt beflügelt. 1884 wurde das ostpreußische Jägerbataillon nach Allenstein verlegt und die Stadt zur zweitstärksten Garnison Ostpreußens ausgebaut. Damit stiegen auch die Einwohnerzahlen, 1895 waren es 20.000. 1905 wurde ein neuer, dritter, ostpreußischer Regierungsbezirk mit Sitz in Allenstein gebildet. Nach dem Ersten Weltkrieg gehörte Allenstein 1920 zu den Kreisen, in denen über die Zugehörigkeit zu Deutschland abgestimmt wurde: 97,8 % der Stimmen waren dafür. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die nicht geflüchteten Einwohner vertrieben und v.a. Polen und Ukrainer aus den sowjetisch besetzten Gebieten Ostpolens angesiedelt.

Bernstein

Bereits in der Antike war Bernstein, ein fossiles Harz von Nadelbäumen, ein begehrter Artikel. Er wurde für Schmuck und Amulette verwendet und galt als Heilmittel. Bernsteinperlen dienten schon seit Tausenden von Jahren, seit der Jungsteinzeit, als Tauschmittel. So knüpften die baltischen Völker Handelskontakte bis zur Nordsee und in den Mittelmeerraum.

Bei Sturm wurde der v.a. in der sogenannten Blauen Erde an der Samlandküste, aber auch anderswo an der Ostseeküste vorkommende Bernstein freigespült und durch Sammeln oder Schöpfen gewonnen. Im 17. Jahrhundert etablierte sich die Bernsteinfischerei mit Netzen, im 18. Jahrhundert begann man mit dem Tauchen nach Bernstein, und um 1800 begann der bergmännische Abbau im Samland zunächst im Tagebau, um 1870 im Tiefbau. Heute wird Bernstein an der Ostseeküste v.a. in Palmnicken/Samland (russ. Jantarnyi) und in der Nähe von Danzig abgebaut.
Es gibt ihn in verschiedenen Farben, die davon abhängen, ob z.B. Luft- oder Wasserbläschen eingeschlossen sind (roter Bernstein gilt als der kostbarste). Man unterscheidet aber auch z.B. knochigen, flomigen und klaren Bernstein, je nach dem, wie durchsichtig er ist, dabei sind Bernsteine mit Inklusen – Einschlüssen von Pflanzen und Insekten – besonders begehrt.

Er ist auch für die Industrie interessant: Kolophonium für Geigenbögen etwa enthält Bernstein, man nutzte ihn für Farben, Öle und Lacke. Nach wie vor ist seine Bedeutung für Schmuck oder Kunstwerke aber am größten. Allerdings hält Bernstein sich kaum über längere Zeit (Jahrhunderte), unter Einfluss von Sauerstoff zersetzt sich das Material.
Die wirtschaftliche Bedeutung des Bernsteins in früheren Zeiten illustriert das Bernsteinregal des Deutschen Ordens: sämtlicher an der Landesküste gefundene Bernstein musste an Beauftragte des Ordens (Landesherr im Preußenland bis 1466 bzw. 1525) abgeliefert werden bzw. wurde von diesem angekauft – auf Zuwiderhandlung stand zeitweilig die Todesstrafe. Der Ankauf erfolgte eine Zeit lang gegen Salz. Der Orden konnte aus dem Bernstein erhebliche Einnahmen erzielen. Jahrhundertelang spielte er für die katholische Kirche eine wichtige Rolle, da er zu Rosenkranzperlen verarbeitet wurde.

In Dichtung und Literatur spielt der dort teils sagenumwobene Bernstein vom griechischen Dichter Euripides bis zur Belletristik der Gegenwart immer wieder eine Rolle.

Schmuckstücke aus Bernstein oder Gebrauchsgegenstände mit Bernsteinverzierung wie Löffel, Brieföffner u.a. gehören in vielen Familien, die von der Ostseeküste stammen, auch heute zu einem „Muss“, werden verschenkt und vererbt, und sind nicht nur beliebtes Mitbringsel von Reisen, sondern v.a. Andenken an die Heimat der Vorfahren.

Bunzlau

Bunzlau liegt in Niederschlesien, etwa auf halbem Weg zwischen Görlitz und Liegnitz, am Ostufer des Bober. Heute hat Bunzlau – poln. Bolesławiec – ca. 38.000 Einwohner. Weithin bekannt ist die Stadt für ihre Keramik.

Der Name Bunzlau geht wahrscheinlich auf den schlesischen Herzog Boleslaus / Bolesław I. zurück, der hier um 1200 eine Burg gründete. Er entstammte der polnischen Dynastie der Piasten, wuchs aber wegen Auseinandersetzungen um die Herrschaft in Schlesien in der Kaiserpfalz Altenburg in Thüringen auf. Später holte er zahlreiche deutsche Siedler ins Land und gründete Städte nach deutschem Stadtrecht. Einige Jahre nach der Invasion der Mongolen 1241, die die Region verwüsteten, erhielt auch die Siedlung an der Burg Bunzlau Magdeburger Stadtrecht. In den Hussitenkriegen wurde die Region 1429 ebenfalls verwüstet, daher erhielt Bunzlau um 1480 eine neue, doppelte Stadtmauer. Ab 1522 war die Stadt evangelisch und wichtiges Zentrum der Reformation. Die um 1560 fertiggestellte Kanalisation soll die erste in einer deutschen Stadt gewesen sein. Im 30jährigen Krieg wurde die Stadt noch einmal zerstört, diesmal von schwedischen Truppen.

Bereits um 1340 hatte der polnische König Kasimir III. Schlesien an Böhmen abgetreten, Ende des 15. Jh. gehörte es eine Zeit lang zu Ungarn, bevor es Mitte des 16. Jh. an die Habsburger bzw. Österreich fiel. Seit dem Berliner Frieden 1742 im Österreichischen Erbfolgekrieg gehörte Schlesien zu Preußen. Seit 1816 war Bunzlau Kreisstadt, der Kreis gehörte zum Regierungsbezirk Liegnitz. Einen Entwicklungsschub gab es auch hier durch den Eisenbahnanschluss, nachdem 1846 mit einem Viadukt über den Bober die Linie Berlin-Wien durchgängig zu befahren war.

Bereits im 14. Jh. wurde Bunzlauer Keramik gefertigt, besonders haltbare und vielseitig nutzbare Gefäße, die bis heute bekannt und beliebt sind. 1897 wurde die Königliche Keramische Fachschule eingerichtet, um Ausbildung der Töpfer und Weiterentwicklung der Technik zu fördern.

Bunzlau wurde im Februar 1945 beim Einmarsch der sowjetischen Armee stark zerstört, die deutsche Bevölkerung – soweit sie nicht geflüchtet war – wurde überwiegend ab Sommer 1945 nach der Unterstellung unter polnische Verwaltung vertrieben. Heute wird sowohl in Bunzlau wieder Keramik hergestellt, als auch in Deutschland von Nachkommen vertriebener Bunzlauer Betriebe. In Bunzlau gibt es ein Keramikmuseum, jährlich im August ein Keramikfest. Es gibt eine Partnerschaft mit der Stadt Siegburg, die Patenstadt der vertriebenen Bunzlauer ist.

Bunzlauer Keramik

Die Anfänge der Bunzlauer Töpferei liegen im Mittelalter. Es gibt Aufzeichnungen dazu aus dem 14 Jahrhundert. Eine Töpferzunft wird 1511 erstmals erwähnt. Im 16. Jahrhundert soll sie die Anzahl der Töpfereien auf fünf begrenzt haben, um die Qualität der Produkte zu sichern. Diese Beschränkung wurde 1762 aufgehoben. Damals waren die Töpferwaren aus der Bunzlauer Region mit ihrem typischen braunen Dekor schon europaweit bekannt. Sie wurden u.a. nach Skandinavien, in die Niederlande oder nach England verkauft. Die Bunzlauer Keramik hatte sich zu einem wichtigen Wirtschaftszweig entwickelt.

Der Ton der Gegend wurde deshalb so beliebt für die Keramikproduktion, weil er bei hohen Temperaturen gebrannt werden konnte und bleifrei war. Er wird zunächst bei ca. 800 Grad Celsius weiß gebrannt, nach dem Auftragen des Dekors und der Glasur wird er bei bis zu 1260 Grad Celsius gebrannt und ist dann besonders haltbar, d.h. feuerfest, beständig gegen Temperaturwechsel und wasserfest. Töpfe und Kannen konnten auf das Herdfeuer gestellt werden zum Erhitzen oder Warmhalten von Speisen und Getränken.

Die Vielfalt der hergestellten Gefäße war groß, da sie so vielseitig verwendet werden konnten: Töpfe, Krüge und Flaschen für Vorräte, z.B. zum Einlegen von Sauerkraut, Gärgefäße, Butterfässer, Waschgeschirr, Blumentöpfe, und natürlich Küchen- und Essgeschirr wie Kochtöpfe, Backformen, Kannen, Schüsseln, Teller, Becher usw.
Die Feuerfestigkeit verlor zu Beginn des 20. Jahrhunderts an Bedeutung. Emaille, Stahlblech oder Aluminium kamen in Mode und die Vorratshaltung von Lebensmitteln änderte sich. Doch 1897 wurde in Bunzlau eine Fachschule gegründet, die u.a. neue Glasurverfahren und Dekore verbreitete, so dass Essgeschirr und Zierkeramik an Bedeutung gewannen, etwa Vasen und Schalen. Industrielle und handwerkliche Fertigung existierten nebeneinander. 1910 gab es 22 Töpfereien, in den 1930er Jahren allerdings nur noch sieben.

Die Lehmglasur in einem kräftigen, glänzenden Braun war die älteste Glasurtechnik, die 1936, nachdem andere Techniken weit häufiger verwendet worden waren, wiederbelebt wurde. Um 1860 war das sogenannte Schwämmeldekor aufgekommen, bei dem farbige Ornamente mit einem kleinen Schwammstempel aufgebracht wurden, v.a. das beliebte Pfauenauge. Dieses wurde 1905 auf der Londoner Weltausstellung ausgezeichnet. In den 1920er Jahren kam das Spritzdekor hinzu, dabei wurde Farbe auf die Produkte aufgespritzt. Außerdem wurden Verzierungen mit dem Pinsel aufgetragen, Marmorierungen oder Laufglasur verwendet, die bei hohen Temperaturen beim Brennen verlief. Neben den klassischen beliebten Dekoren wie Pfauenauge, Tüpfel oder Margerite entstanden so auch moderne Dekore im Jugend- oder Art-Deco-Stil.

Durch Krieg und Vertreibung fand die Keramikproduktion in Bunzlau ihr vorläufiges Ende, wurde aber später von polnischer Seite dort wieder aufgenommen. Einige der vertriebenen Familienbetriebe nahmen die Herstellung im Westen wieder auf.

Bunzlau, in Niederschlesien, liegt ca. 100 km westlich von Breslau, auf halbem Weg zwischen Görlitz und Liegnitz; poln. Boleslawiec.

Cadiner Majolika

1898 kam das nah am Frischen Haff gelegene Gut Cadinen bei Elbing in der Provinz Westpreußen in den Besitz von Kaiser Wilhelm II. Es wurde zu einem landwirtschaftlichen Mustergut ausgebaut, dazu kam 1899 eine Dampfziegelei zwecks Arbeitsplatzbeschaffung. Bald entstand auch Kunstkeramik, als Terrakotta und in Form von Majolika – die damals modern war – da der kalkhaltige Niederungston keine hohen Temperaturen vertrug. Der Kaiser entschied über die Entwürfe, daher gab es viele historistische Modelle, Vorbilder waren v.a. griechische Antike und italienische Renaissance. Ab 1904/05 wurden Plaketten, d.h. Platten mit flachen Reliefs, gefertigt, die Genre-Szenen oder religiöse Motive zeigten. Als farbig bemalte Majolika wurden zunächst Teller, Kacheln, Vasen, Aschenbecher, später Figuren und Büsten, aber auch Dosen, Krüge, Töpfe oder Blumenkübel gefertigt. Auf Ausstellungen in Berlin wurde die Cadiner Keramik vorgestellt, bei der Weltausstellung in Turin 1911 gab es zwei Preise für Majoliken aus Cadinen, die Nachfrage stieg. Einige großformatige Fliesenbilder sind bis heute erhalten, z.B. im Hotel Atlantic in Hamburg, in Privathäusern in Berlin, im Cadiner Gutshaus; Beispiele für Baukeramik finden sich in der Reichsbank in Danzig, im U-Bahnhof Theodor-Heuss-Platz in Berlin. Namhafte Künstler wurden beauftragt, Motive und Ornamente zu entwerfen. Nach 1918 entfiel die finanzielle Förderung durch den Kaiser, der Betrieb – nun unter der Leitung von Wilhelm Dietrich aus Thüringen – musste wirtschaftlich arbeiten. Daher wurde mehr Gebrauchskeramik bzw. Ofenkeramik hergestellt, auch Kacheln nach historischen Vorbildern oder Klinker für öffentliche Bauten. Der Absatz wurde wegen der komplizierten Verkehrswege schwieriger – der Kreis Elbing gehörte ab 1920 zur Provinz Ostpreußen, vom Deutschen Reich durch den Polnischen Korridor getrennt. Dennoch wurde 1936 ein neues Werk für Klinker eröffnet. Majolika wurde weiter hergestellt – u.a. Geschirr für Wilhelm II., den Besitzer des Gutes –, z.T. auch in moderneren Formen und Dekoren. So entstand wohl Ende der 1920er Jahre die Kombination aus dem Cadiner Rotbraun mit Kobaltblau und Gold, die heute vielen als typisch für Cadiner Majolika gilt. Tierplastiken kamen ebenfalls stärker ins Programm. Nach dem Tod Wilhelms II. 1941 arbeitete die Manufaktur zwar weiter, doch im Januar 1945 flüchteten seine Familie und die Dorfbewohner vor der sowjetischen Armee. Unter polnischer Leitung wurde bereits 1945 die Backsteinproduktion wieder begonnen, Kunstkeramik wurde in größerem Stil nicht mehr hergestellt. Cadiner Majolika wurde zwar nur ca. 40 Jahre produziert, gehört aber wegen ihres Erfolges zur Kulturgeschichte des Preußenlandes und stößt auch in Polen heute auf großes Interesse. Für die vertriebenen West- und Ostpreußen gehört es zur Identifikation mit ihrer Heimat.

Literatur

Cadinen. Keramik aus der Königlichen Majolika-Werkstatt 1904-1944. Ausstellungskatalog Ostpreußisches Landesmuseum Lüneburg und Schlossmuseum Marienburg/Malbork, Marienburg/Malbork 1999.
Barfod, Jörn: Des Kaisers Keramik. 100 Jahre Königliche Majolika-Werkstätten Cadinen. Husum 2003.

Königszelter Porzellan

Am Schnittpunkt zweier Bahnstrecken nahe Schweidnitz in Niederschlesien entstand Mitte des 19. Jahrhunderts eine Siedlung, die 1843 den Namen „Königszelt“ erhielt, weil in der Nähe 1761 im Siebenjährigen Krieg Friedrich der Große sein Zeltlager gehabt haben soll. Wegen der guten Verkehrsanbindung siedelten sich hier schnell Betriebe an, die zügig wuchsen. Um 1860 wurde eine Porzellanmanufaktur gegründet, deren Erzeugnisse als „Königszelter Porzellan“ bald weit über Schlesien und Deutschland hinaus bekannt waren. Die Fabrik produzierte überwiegend Tafel- und Hotelgeschirr. Nach 1945 wurde sie stark erweitert. Unter dem Namen „Karolina“ wird dort bis heute Porzellan hergestellt (Königszelt = poln. Jaworzyna Slaska).

Die Inhaber der Königszelter Fabrik wechselten mehrfach, mit ihnen wechselten auch die Porzellanmarken der Produkte. Unter Inhaber August Rappsilber, 1863 – 1912, wurden bereits Haushalts- und Hotelporzellan sowie Geschenkartikel produziert, dafür gab es zwei verschiedene Marken, A.R. und AR. 1912 – 1928 lautete die Bezeichnung Porzellanfabrik Königszelt AG, ab 1928 gehörte sie zu Hutschenreuther in Selb, es gab drei verschiedene Markenzeichen als P.K.Silesia. 1937 ging das Werk an Kahla. Sowohl Hutschenreuther als auch Kahla gehören zur Strupp-Gruppe, der die Manufaktur unter verschiedenen Bezeichnungen bereits länger gehört haben soll. Kahla hat wahrscheinlich noch in den 1950er Jahren Königszelter Porzellan mit der Bezeichnung „Königszelt Gerrmany“ hergestellt.

Die Königszelter Fabrik war wahrscheinlich die einzige in Schlesien, die eine Lizenz von Walt Disney für Porzellan mit Mickey-Maus-Motiven gehabt hat. Es gab z.B. Kinderteller passend zur Serie Charlotte mit schwarzen Zeichnungen von Mickey Maus.

Ortelsburg

Ortelsburg liegt im südlichen Ostpreußen, im Westen der Masurischen Seenplatte, an einer Landenge zwischen dem Großen und dem Kleinen Haussee. Die Umgebung war spätestens Ende des 2. Jh. v. Chr. besiedelt. Im 14. Jh. gehörte sie zum Deutschordensstaat. Der Name soll auf den Spittler des Ordens (zuständig für das Spitalwesen) und Komtur von Elbing Ortolf v. Trier (1349 – 71) zurückgehen. Er sorgte um 1360 für die Anlage eines „festen“ Hauses des Ordens, einer Art Grenzfestung, d.h. damals wohl mit Befestigungen aus Holz und Erde. In ihrem Schutz siedelte der Orden Kolonisten aus dem benachbarten polnischen Masowien an.

Markgraf Georg Friedrich, der in der Gegend gern jagte, ließ um 1580 die verfallene Burg erneuern und siedelte dazu deutsche Handwerker an. Trotz weiterer Ansiedlungsaktionen verlief die Entwicklung aber schwierig: Im 17. Jh. wurde die Stadt mehrfach durch Brand zerstört, die Tataren verwüsteten 1656 den Süden Ostpreußens, außerdem gab es mehrere Pestausbrüche. Erst 1723 erhielt Ortelsburg – mit ca. 400 Einwohnern – Stadtrecht.

Ab 1744 war Ortelsburg Garnisonsstadt, ein Feldjägerkorps wurde hier stationiert. 1806 hielt sich das preußische Königspaar Friedrich Wilhelm III. und Luise auf der Flucht vor den Franzosen einige Wochen in Ortelsburg auf, das solange Sitz der preußischen Regierung war. Am 31. 12. 1806 eroberten die Franzosen die Stadt, plünderten und besetzten sie.

Mit einer Verwaltungsreform sollte nach der Franzosenzeit die Entwicklung vorangetrieben werden, Ortelsburg wurde 1818 Kreisstadt eines der flächenmäßig größten Kreise Preußens. Doch erst mit dem Anschluss an die Eisenbahn 1883 ging die Entwicklung etwas voran. Schon 1914 wurde Ortelsburg mit Beginn des Ersten Weltkriegs am 30. August wieder nahezu komplett zerstört. Bis Kriegsende 1918 wurde die Stadt aber mit Unterstützung der Patenstädte Berlin und Wien wieder aufgebaut. Bei der Volksabstimmung 1920 stimmten die Einwohner fast einmütig für den Verbleib beim Deutschen Reich. Auch im Januar 1945 wurde Ortelsburg bei der Eroberung durch die sowjetische Armee wieder zerstört. Nach der Übergabe an die polnische Verwaltung im Sommer 1945 wurden ab Herbst die verbliebenen deutschen Bewohner, aber auch masurische, vertrieben. Etliche der Vertriebenen ließen sich im Ruhrgebiet nieder, um Gelsenkirchen, wohin schon um 1900 manche Ortelsburger auf Arbeitssuche gezogen waren.

Ortelsburg, poln. Szczytno, hat heute gut 23.000 Einwohner und gehört zur Woiwodschaft Ermland-Masuren. Im Rathaus befindet sich ein kleines Museum, dessen Sammlung den Zweiten Weltkrieg überstand. Es besteht u.a. eine Städtepartnerschaft mit Herten.

Ostdeutschland

Wo ist Ostdeutschland? Wer ist ostdeutsch?

Diese Fragen beantworten wir heute anders als vor 50 oder 150 Jahren. Der Begriff hat sich mehrfach gewandelt, besonders nach der politischen Wende von 1989. Heute wird meist das Gebiet der ehemaligen DDR als Ostdeutschland bezeichnet, die Bundesländer Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg, Sachsen-Anhalt, Thüringen und Sachsen, evtl. auch Berlin.

Bis in die 1970er Jahre waren die Ostdeutschen aber nicht die DDR-Bürger – die Region um Weimar, Jena, Leipzig, Halle oder (Luthers) Wittenberg galt seit Jahrhunderten als Herz, als Mitte Deutschlands. Ostdeutsche waren in der Bundesrepublik die Flüchtlinge und Vertriebenen – die in der DDR „Umsiedler“ hießen. Ostdeutschland waren die östlich der Oder-Neiße-Linie gelegenen Gebiete des Deutschen Reiches (in den Grenzen vom 31. 12. 1937), die nach 1945 in Polen und der Sowjetunion lagen. Sie wurden auch als deutsche Ostgebiete bezeichnet: Pommern, Ostbrandenburg, Schlesien, Ostpreußen, Grenzmark Posen-Westpreußen; häufig zählte man noch die bereits nach dem Ersten Weltkrieg abgetrennten Gebiete hinzu: das Memelland, Danzig, Westpreußen und evtl. die Provinz Posen. Als Ostdeutsche wurden manchmal außerdem Menschen aus den deutschen Siedlungsgebieten in Ost-, Mittelost- und Südosteuropa bezeichnet, also Baltendeutsche und Sudetendeutsche, aber auch Donauschwaben, Karpatendeutsche, Siebenbürger Sachsen, Banater Schwaben, Deutsche aus der Bukowina, aus Galizien, Wolhynien und der Gottschee. Deutsche aus Russland wurden damit meist nicht gemeint.

In den genannten Regionen gab es z.T. seit dem Mittelalter Streusiedlungen oder geschlossene deutsche Siedlungsgebiete. Einige gehörten zum 1871 gegründeten Deutschen Reich (und davor zu Preußen) oder zum Habsburgerreich Österreich-Ungarn. Seit dem Ende des 18. Jahrhunderts hatte sich, von J. G. Herder ausgehend, die Idee von Nation und Nationalstaat in Europa entwickelt. Daraus entstanden Konflikte, denn in vielen Regionen lebten Menschen mehrerer Nationen (Völker, Sprachen) zusammen. Einheitliche Staaten zu schaffen, war kompliziert. So lebten z.B. in Böhmen (Österreich-Ungarn) Tschechen und Deutsche, in Schlesien (Preußen) Deutsche und Polen. Man versuchte, dieses Problem mit besonderen Rechten für die Minderheiten in den nach dem Ersten Weltkrieg neu gegründeten Staaten zu lösen. Doch mit der Umsetzung gab es Schwierigkeiten. Hitler und die Nationalsozialisten missbrauchten die Lage für ihre Expansionspolitik und propagierten die Parole „Heim ins Reich“ für die Deutschen im Ausland. Das brachte auch den Begriff „ostdeutsch“ eine Zeit lang in Misskredit.

Schlesische Weber

Die Blaudruck-Tischdecke der Heimatsammlung stammt wahrscheinlich von der Firma Dierig aus Langenbielau (poln. Bielawa) in Niederschlesien. 1805 war hier von einer ortsansässigen Familie die Firma C. G. Dierig gegründet worden, die zunächst Handweber in Heimarbeit beschäftigte. Um 1830 stellte sie eigene Webstühle auf. Allerdings standen zunächst 30 Webstühlen dort ca. 3000 Heimweber gegenüber. Nach und nach änderte sich das Verhältnis. Später kam auch Stoffdruck ins Angebot. 1918 expandierte die Firma nach Westdeutschland (Augsburg), war Mitte der 1930er Jahre die größte Baumwollfirma auf dem Kontinent. 1945 musste sie ihren schlesischen Stammsitz verlassen und baute das Werk in Augsburg zum größten Textilkonzern Westdeutschlands aus (Bettwäsche, Kaeppel, fleuresse). Heute handelt es sich um einen international tätigen Textil- und Immobilien-Konzern.

In Gerhart Hauptmanns Drama „Die Weber“ (1892) kommt Fabrikant Dierig leicht verfremdet als „Dittrich“ vor. Im Nachbarort Peterswaldau hatte der Weberaufstand im Juni 1844 begonnen. Dort hieß die größte Firma Zwanziger, bei Hauptmann „Dreißiger“. Der Autor orientierte sich zwar an den tatsächlichen Abläufen, hatte mit Augenzeugen gesprochen, doch sind manche Sachverhalte wohl überzeichnet dargestellt, um die Not der Weber zu verdeutlichen. Denen wurde von den Fabrikanten, die mit den billigeren Stoffen aus England – von den mechanischen Webstühlen – konkurrieren mussten, immer wieder der Lohn gekürzt. Daher litten sie häufig Hunger, obwohl die ganze Familie samt Kindern hart arbeitete. So protestierten sie 1844 vor der Fabrik Zwanziger. Als sie den Fabrikanten nicht erreichen konnten, plünderten sie das Haus und zogen nach Langenbielau, zur Firma Dierig, bei der es den Arbeitern u.a. wegen einiger sozialer Maßnahmen wie Kindergärten und Betriebsrenten eigentlich besser ergangen sein soll. Hier wurden überwiegend in Heimarbeit v.a. Damaststoffe hergestellt. Als die Menge sich nicht auflöste, ließ der Kommandeur des angerückten Militärs schießen – es gab 11 Tote und 24 Schwerverletzte. Berichte darüber wurden später zensiert.
Der preußische Staat bemühte sich in der Folgezeit, neue Erwerbsmöglichkeiten durch Spinnschulen, auch in der Glas-, Holz- und Eisenindustrie zu schaffen.

Siebenbürgen

Siebenbürgen gehört heute zu Rumänien und liegt im Zentrum des Landes. Der Bogen der Karpaten trennt es von den übrigen Landesteilen. In der Antike lag hier das Reich Dakien. Später zogen Goten, Gepiden, Bulgaren u.a. Völker durch die Region. Um 900 kamen Ungarn in das Karpatenbecken. Sie siedelten an den Grenzen zu deren Sicherung die Szekler an.

Ab ca. 1150 ließen sie Siedler von Rhein und Mosel, aus Flandern und Wallonien ins Land. Der ungarische König Andreas II. gewährte ihnen 1224 in einem Freibrief weitgehende Sonderrechte, danach wurde ihr Gebiet „Königsboden“ genannt. Von 1211 bis 1225 war auch der Deutsche Orden im Land, um es vor den Einfällen der Kumanen zu schützen. Die deutschen Einwohner, Bauern, Handwerker und Kaufleute, bildeten als privilegierte Gruppe einen eigenen „Stand“ im ungarischen Staat, so wie die ungarischen Adligen und die Szekler. Sie hatten mit der „Nationsuniversität“ nicht nur ihre eigene politische Vertretung, sie hatten auch ihre eigene Gerichtsbarkeit. Die Rumänen dagegen verloren ihre Rechte zur politischen Vertretung. Bis ins 19. Jh. waren sie im Land nur noch geduldet.

Nach der Niederlage Ungarns 1526 in der Schlacht bei Mohacs wurde Siebenbürgen als Fürstentum 1541 dem Osmanischen Reich unterstellt und musste hohe Tribute zahlen. Dennoch folgten über Jahrzehnte Plünderungen, Verwüstungen und Verschleppungen. Aber in Siebenbürgen herrschte Religionsfreiheit und das Land bleib christlich. Nach dem Sieg über die türkische Armee bei Wien wurde Siebenbürgen 1699 im Frieden von Karlowitz unabhängig von Ungarn an Österreich angegliedert. Im Zuge der Gegenreformation und auch später folgten Einwanderungen evangelischer Siedler, die in anderen Landesteilen Österreichs unerwünscht waren, aber auch aus Württemberg oder Hessen. 1866 beschloss der ungarisch dominierte Landtag die Union mit Ungarn, damit wurde auch die Selbstverwaltung der Siebenbürger Sachsen abgeschafft.

Die Rumänen, die schon lange einen eigenen Staat forderten, setzten ihr Ziel nach dem Ersten Weltkrieg mit Zustimmung der Siebenbürger Sachsen durch. Die ihnen dafür zugesagten Minderheitenrechte wurden aber später nicht in dieser Form erfüllt. Mit dem Vertrag von Trianon 1920 gehörte Siebenbürgen zu Rumänien. Viele Ungarn wanderten aus, Rumänen wurden angesiedelt. Erst bei Kriegende 1944/45 flüchteten viele Siebenbürger Sachsen aus ihrer Heimat. Die Verbliebenen verließen in den 1970er Jahren und nach 1990 das Land. Dennoch gibt es noch eine kleine siebenbürgisch-sächsische Minderheit in Rumänien, der z.B. der seit 2014 amtierende Staatspräsident Klaus Johannis entstammt.

Siebenbürgen

Siebenbürger Frauentracht

Die Ordnung der Siebenbürger Sachsen nach Kind, Schulkind, konfirmierten Mädchen und Jungs („Mägde und Knechte“), Braut und Bräutigam, verheirateten Männern und Frauen, half bei der Einordnung in die Gemeinschaft: Jeder hatte seinen Platz, sowohl in der Gesellschaft, als auch in der Kirche. Dort gab es für jede Gruppe spezielle Kirchenbänke. Diese Ordnung wurde besonders durch die Kopfbedeckung der Tracht sichtbar.

Die kleinen Mädchen trugen Häubchen, für Schulmädchen waren Bänder üblich. Darüber wurde an Feiertagen ein Kopftuch, „Knepftouch“, getragen. Den konfirmierten Mädchen war der Borten vorbehalten, ein zylinderförmiger Aufsatz aus Samt, mit Perlen und Bändern reich verziert. Zur Hochzeit trug eine junge Frau ihn zum letzten Mal. Das Abnehmen des Borten und das Aufsetzen der Haube gehörte zu den Hochzeitsfeierlichkeiten. Nun war die junge Frau „unter der Haube“.
Die Farbe der Stickerei auf der Haube lieferte Informationen über ihre Trägerin, so wurden die Farben z.B. mit dem Alter zurückhaltender. Die Motive stammten aus dem Umfeld, wie Getreide oder Blumen. In Südsiebenbürgen trug man filigrane handgenetzte Häubchen. In Nordsiebenbürgen wurde zum Kirchgang ein Tuch über die Haube gelegt. Zu bestimmten kirchlichen Anlässen wurde diese Kombination durch die sog. Bockelung ersetzt, ein speziell gefaltetes Schleiertuch. In Südsiebenbürgen war die Bockelung meist Teil der sonntäglichen Tracht. Die Hauben wurden in der Familie der Braut für die Hochzeit gefertigt. Es gab aber auch geschickte Stickerinnen, die sich mit dem Sticken der Hauben Geld verdienten.

Die übrige Kleidung bestand aus einem Hemdgewand, über dem die Frauen ein Samtleibchen oder einen Kittel aus Leinen („Busenkittel“) trugen, dazu einen Rock aus Wollstoff und mehrere Unterröcke. In jüngerer Zeit wurde der Rock durch einen dunklen Miederrock aus Samt ersetzt. Das Mieder darüber ist an allen Öffnungen verziert und mit ebenfalls verzierten Schließen geschlossen. Nicht konfirmierte Mädchen und ältere Frauen trugen zum Rock ein schwarzes Samtleibchen oder eine Samtjacke. Über den Rock gehört eine Schürze, im Süden aus bestickten Spitzenstoffen, anderswo aus geblümten Stoffen, im Nösner Ländchen mit geklöppelten Einsätzen. Die Farben der Blüten- und Blattmuster waren ebenfalls verschieden, im Norden waren sie schwarz, im Süden schwarz-gelb oder schwarz-gold, manchmal auch mehrfarbig.

So spiegeln die Trachten mit ihren Unterschieden nach Region, Alter und Stand der Trägerin, nach Alltags-, Fest- und Kirchentracht nicht nur die soziale Ordnung, sondern auch das Leben in der Gemeinschaft.

Siebenbürger Männertracht

Zur Männertracht gehört ein gepresster oder gepunzter Gürtel – der kostbare „riemener Mannsgurt“. Er wird mit Riemchen, „Zirm“, und mit Applikationen aus buntem Leder meist sehr reich verziert – „Zirm“ bezeichnet die aufwendige Stickerei.
Zur Tracht wird eine weiße oder schwarze Hose getragen, dazu Stiefel. Zur schwarzen Hose gehört ein schmaler Gürtel. Zur weißen Hose gehört das lange, auf der Brust in Falten gelegte, weite Hemd, über der Hose getragen, von einem breiten, gezirmten Lederriemen gehalten. Die Breite dieses Gürtels richtete sich früher nach dem Alter des Trägers, die Ausstattung nach dessen Wohlstand.
Das Hemd hat einen kleinen Kragen – je nach Region mit Blumen oder geometrischen Mustern bestickt. In manchen Orten werden die Hemden auch von Manschetten, den „Stackeltcher“, geziert. Die Brust ziert eine schwarze, mit Seide bunt bestickte Samtkrawatte oder ein seidenes Halstuch. Über dem Hemd wird vielerorts im Sommer ein schwarzes „Leibel“, eine Weste, getragen, in den kälteren Jahreszeiten eine schwarze „Guip“, eine Jacke. Die Brustseite beider Kleidungsstücke zieren je zwei Reihen bunte Knöpfe. Leibel und Guip werden offen getragen. Nur der oberste Knopf der Guip wird geschlossen. Im Winter tragen die Männer statt des Leibels den „Brostlotz“ oder „Brustfleck“, einen buntbestickten Pelz, d.h. das Fell trägt man innen, die Lederseite nach außen.
Im Winter tragen Männer und Frauen auf dem Land zum Kirchgang auch einen wärmenden Pelzmantel, reich verziert, den Kürschen. Das ist ein Umhängemantel aus weiß gegerbtem Schafleder, mit Fell besetzt und aufwendig bestickt. Noch früher trug man einen „Kotzen“ (von ahd. chozzo), ebenfalls ein Mantel für den Kirchgang, aber aus weißem oder schwarzem handgewebten Schafwollstoff gefertigt.
Auf den Kopf gehört ein schwarzer runder Filzhut mit breiter Krempe und einem bestickten Samtband. Zur Hochzeit verziert der junge Mann ihn mit einem Myrtenkränzchen. Nach der Hochzeit verschwindet der Blumenschmuck wieder vom Hut.
Die einzelnen Elemente der Tracht haben sich über Jahrhunderte und in den verschiedenen Regionen Siebenbürgens entwickelt und verändert. Sie wurden den Bedürfnissen und dem Geltungstrieb ihrer Träger bzw. der Mode angepasst. Sie gehen zurück auf Kleidungsstile und –regeln früherer Zeiten: Wer was tragen durfte, wurde von der „Obrigkeit“ bestimmt, etwa der Universität in Hermannstadt. Die Tracht ist ein wichtiges Identifikationsmerkmal für die Gemeinschaft der Siebenbürger Sachsen. Bis heute tragen Tanzgruppen und Blaskapellen bei möglichst vielen Anlässen die überlieferte Tracht.

Stolp

Stolp liegt ca. 18 km südlich der Ostseeküste im östlichen Pommern bzw. Hinterpommern an der Stolpe, ca. 100 km westlich von Danzig. Vor dem Zweiten Weltkrieg war es nach Stettin die zweitgrößte Stadt Pommerns mit ca. 50.000 Einwohnern.

Germanische Stämme siedelten um 500 v. Chr. in Pommern östlich der Persante, sie zogen mit der Völkerwanderung nach Süden. Um 550 siedelten dort westslawische Stämme. So gab es im 9. Jh. eine kaschubische Siedlung an einer Stolpefurt. Die Zugehörigkeit der Region wechselte: Im 12. Jh. gehörte sie zum Herzogtum Pommern, in dem die Greifen herrschten, stand dann unter polnischem, deutschem und dänischem Einfluss, kam 1227 an die Herzöge von Pommerellen, die Samboriden. Herzog Swantopolk II. verlieh der Siedlung an der Stolpe 1265 Lübisches Stadtrecht. 1276 gründeten Kaufleute aus Westfalen und Holstein eine weitere Siedlung am Westufer der Stolpe.

Durch Erbfolgekriege gelangte Stolp an die Askanier (Brandenburg), später wieder an die Greifen. In der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts wurde Stolp auch Mitglied der Hanse, aus der es später wieder austreten musste. Brände, Hochwasser, die Pest und andere Epidemien, später auch Hexenprozesse, sorgten immer wieder für schwierige Zeiten. 1630, im 30jährigen Krieg, besetzten die Schweden die Stadt. 1637 fielen die Truppen Wallensteins ein, daraufhin zerstörten die Schweden Stolp. Seit dem Westfälischen Frieden 1648 gehörte Stolp mit Hinterpommern zu Brandenburg-Preußen.

Mit den Verwaltungsreformen im Königreich Preußen nach dem Wiener Kongress gehörte Stolp seit 1816 zum Kreis Stolp im Regierungsbezirk Köslin der Provinz Pommern. Die Stadt wurde 1869/70 an die Eisenbahnlinie Köslin – Stolp – Zoppot (bei Danzig) angeschlossen. Neben Möbelindustrie und Bernsteinverarbeitung entstanden Maschinenfabriken, Stickereien und 1921 eine Käserei, die mit dem Weichkäse „Stolper Jungchen“ weit bekannt wurde. Die Verkehrswege wurden allerdings durch die seit 1920 bestehende, nur 50 km entfernte deutsch-polnische Grenze erheblich beschnitten. Seit 1926 gab es einen Flugplatz. Weder bei den Wahlen zum Reichstag am 5. 3., noch bei den Wahlen in der Stadt am 12. 3. 1933 erlangte die NSDAP in Stolp eine Mehrheit.

Am 8. 3. 1945 marschierte die sowjetische Armee kampflos ein, brannte aber die Innenstadt nieder. Bereits im April wurde Stolp durch die Sowjetunion polnischer Verwaltung unterstellt.
Heute hat Stolp – poln. Słupsk – ca. 90.000 Einwohner und verfügt u.a. über etliche Betriebe für den Maschinen- und Möbelbau, für Schiffs- und Haushaltszubehör sowie über technische Fachschulen. Es besteht eine Partnerschaft mit Flensburg.

Textilgewerbe in Schlesien

Das Textilgewerbe gehörte mit Bergbau und Hüttenwesen zu den wichtigsten Wirtschaftszweigen Schlesiens. Im Deutschen Reich (ab 1871) gehörte Schlesien mit Sachsen und dem Rheinland zu den drei wichtigsten Standorten der Textilindustrie.

Bereits die Tuchweberei (Wolle) war spätestens seit dem 14. Jahrhundert in Schlesien als Gewerbe weit verbreitet. Um 1600 galt dies auch für die Leinenweberei. Die Leinenweber lebten v.a. im Gebirge, wo es wenig andere Quellen für den Lebensunterhalt gab. Durch die Entwicklung der Manufakturen wurden aber viele Menschen angezogen, so dass die Regionen bald dichter besiedelt waren als die Ebene. Flachsanbau und Export von Leinen waren mit dem Gewerbe verbunden. Textilien waren auch im Sklavenhandel wichtig. Um 1790 soll es ca. 1,5 Mio. Einwohner in Schlesien gegeben haben, davon ca. 50.000 Arbeiter an (ca. 28.000) Leinenwebstühlen.

Ab ca. 1700 entwickelte sich auch die Baumwollweberei zu einem wichtigen Wirtschaftszweig. Beide Gewerbe konkurrierten miteinander. Noch um 1800 wurden außerdem Wollfabrikate bzw. Tuche weit exportiert. Um 1860 kam aber es zum Rückgang, weil Wolle in Südamerika billiger produziert wurde. Andere Krisen wie Kriege, die Kontinentalsperre, neue Techniken – z.B. der in England erfundene mechanische Webstuhl –, Dürren u.a. führten immer wieder zu Problemen im Textilgewerbe und zu Unruhen unter den Arbeitern, die um ihre Existenz fürchteten. So kam es auch zum Weberaufstand 1844, der von Heinrich Heine im Gedicht „Die schlesischen Weber“ und von Gerhart Hauptmann 1892 in seinem bekanntesten Drama „Die Weber“ verarbeitet wurde.

Die Leinen-Industrie war v.a. im Waldenburger und im Riesen-Gebirge angesiedelt, Baumwoll-Industrie um Schweidnitz, Görlitz, Waldenburg und Glatz, die Woll-Industrie um Liegnitz, Görlitz, Hirschberg, Breslau, Sagan, aber auch in der Oberlausitz. Langenbielau im Eulengebirge war ein wichtiges Zentrum der Textilindustrie, um 1700 wurde hier bereits Baumwolle verarbeitet. 1805 wurde hier die Firma Dierig gegründet, die heute von Augsburg aus international tätig ist. 1900 wurde die Preußische Fachschule für Textilindustrie eingerichtet.

Volksabstimmung 11. Juli 1920

Nach Ende des Ersten Weltkriegs lösten die Sieger die Vielvölkerstaaten wie Österreich-Ungarn oder das Deutsche Reich auf, da das Problem der Nationalitäten auf dem Balkan 1914 mit zum Ausbruch des Krieges geführt hatte. Doch die verschiedenen Nationalitäten waren kaum nach Regionen zu trennen, es entstanden erneut Staaten mit nationalen Minderheiten.

Für das Deutsche Reich bestimmten die Siegermächte (v.a. Frankreich, Großbritannien, USA, Italien), dass Grenzregionen mit gemischter Bevölkerung abzutreten waren, etwa Elsass-Lothringen an Frankreich, oder Nordschleswig – nach einer Volksabstimmung – an Dänemark. Polen sollte nach dem 14-Punkte-Programm des amerikanischen Präsidenten Wilson von Januar 1918, das die Grundlage für Waffenstillstand und Friedensverhandlungen war, alle Gebiete mit unstrittig polnischer Bevölkerung erhalten – dazu gab es weitreichende Forderungen polnischer Politiker – und einen Zugang zum Meer (in Danzig). Größere Teile der Provinzen Westpreußen und Posen sowie ein Teil des ostpreußischen Kreises Neidenburg um Soldau wurden dem neu geschaffenen Staat Polen zugeschlagen, z.T. wegen der Verkehrswege. Danzig wurde unter Mandat des Völkerbunds zur Freien Stadt. Das ostpreußische Memelland wurde unter alliierte Aufsicht gestellt (aber 1923 von Litauen annektiert). Die Stimmung nach der Bekanntgabe der Beschlüsse im Mai 1919 war aufgeheizt, in Deutschland gab es eine Protestwelle mit zahlreichen Kundgebungen.

In weiteren Gebieten sollte dazu eine Volksabstimmung stattfinden. Für 15 west- und ostpreußische Kreise, inklusive Masuren – darunter der Regierungsbezirk Allenstein –, wurde die Abstimmung über die staatliche Zugehörigkeit für den 11. Juli 1920 angesetzt. Stimmberechtigt waren auch Menschen aus den Abstimmungsgebieten, die anderswo lebten. Für sie wurde die Anreise per Bahn oder Schiff organisiert. Deutsches Militär und hohe Verwaltungsbeamte mussten Anfang Februar die Region verlassen. Alliiertes Militär rückte ein. Interalliierte Kommissionen übernahmen Verwaltung und Vorbereitung der Abstimmung – französische, britische, italienische und japanische Offiziere und Beamte. Für den Kontakt zwischen Alliierten und Deutschen wurden deutsche Reichskommissare eingesetzt. In den betroffenen Gebieten waren Verbände entstanden, die die deutschen Interessen vertraten, von Warschau aus wurden Vertreter polnischer Verbände nach Masuren geschickt. Beide Seiten führten Kundgebungen durch. Das Ergebnis am 11. Juli war aber wie erwartet eindeutig, sogar mit über 90 bis 99,3 % für den Verbleib bei Deutschland. Die Abstimmungsgebiete wurden an die deutsche Verwaltung zurückgegeben. Später entstanden in mehreren Orten Denkmäler zur Erinnerung.

Weihnachtsbrauch Lichtert

In der Adventszeit studierten die Konfirmanden Gedichte und überlieferte Lieder für den Gottesdienst an Heiligabend ein, einige Schulkinder ein Krippenspiel. Außerdem wurden die Lichtert vorbereitet. Sie waren örtlich ein wenig unterschiedlich, lehnten sich aber immer an ein Kreuzgerüst an. Das Ausschmücken wurde von den ältesten Schülern, den Konfirmanden eben, übernommen. Es gab bestimmte Regeln – insofern war das Erstellen der Lichtertje gemeinschaftsbildend und diente der Pflege von Traditionen.

Zur Vorbereitung gehörte u.a. das „Grünholen“, auch „Holen des Lichtertgrüns“. Dafür wurde ein Wandertag für die Schüler organisiert. Die Jungen durften in vielen Gemeinden zum Grünholen reiten. Der Ausflug endete meist mit einem Picknick. Zur Rückkehr gehörte ein mehrmaliger Ritt um die Kirche (häufig drei Mal). Dabei rief jeder Reiter jedes Mal, wenn er an der Kirchentür vorbeikam, dem Pfarrer ein „Vivat“ zu, der den Gruß entsprechend entgegennahm. Dort, wo es keinen Ritt gab, wurde beim Heimgehen vor dem Pfarrhaus und vor der Schule das Lied „Ich grüße dich mit kindlichem Gemüt“ gesungen. Es war stets ein besonderes Ereignis für die gesamte Gemeinde.

Die Anzahl der Lichtertje hing von der Zahl der Kinder in der Gemeinde ab. Vier Lichtertje waren eine übliche Zahl, dafür wurden die Konfirmanden in vier Gruppen geteilt. Eine Gruppe scharrte sich um den besten Schüler der Abschlussklasse, eine um die beste Schülerin, eine um den zweitbesten Schüler und eine um die zweitbeste Schülerin. Diese vier hatten die Ehre, „ihren“ Lichtert in die Kirche zu tragen. Sie bzw. ihre Eltern waren in der Adventszeit Gastgeber für die Jugendlichen, die zum Basteln kamen. Es gab Kleinigkeiten zum Essen, am letzten Tag fiel das Essen etwas größer aus.

Typisch beim Basteln waren Papierblumen. Hohe Kunstfertigkeit war nötig, um die Blumen der Natur nachzubilden. Verbreitet waren auch Fähnchen mit Segenssprüchen oder weihnachtlichen Zitaten aus Bibel und Gesangbuch. Außerdem wurden gefärbte Nüsse verwendet. Die Anzahl der Kerzen war vorgegeben, ebenso ihre Größe. Sie waren früher sehr teuer und wurden daher gespendet oder von der Kirchengemeinde gekauft. Man versuchte, den Schein der Kerzen, die Aura, durch einen Kranz – aus Papier – hervorzuheben.

Der Lichtert aus Mettersdorf ist, wie klassische Leuchter, recht flach, die Kerzen sind in eine Richtung angeordnet. So lässt er sich leichter transportieren. In manchen Orten ähnelte er eher hohen Kränzen oder Bäumchen.

Das Weihnachtsfest wurde mit dem Turmblasen um vier Uhr früh eingeleitet. Danach läutete es zur Mette, die von allen in der Gemeinde besucht wurde. Wichtiger Teil der Feier war, dass die Lichtertje von den Konfirmanden in die Kirche getragen wurden. Die erste Gruppe stellte sich im Altarraum auf, die nächste gegenüber auf der Empore, eine Gruppe auf dem Balkon auf der rechten, die vierte Gruppe auf dem Balkon auf der linken Seite. So wurde im Wechselgesang das überlieferte Weihnachtslied gesungen. In den Städten war vielfach ein lateinisch-deutscher Wechselgesang üblich: Das „Puer natus“ war eine der ersten Neuerungen, als man von einem Gottesdienst, der nur vom Pfarrer – auf Latein – gehalten wurde, nach der Reformation dazu überging, auch die Gemeinde mit einzubeziehen. Auf den Dörfern wurden nach der Reformation bald deutschsprachige Gottesdienste üblich, und daher setzten sich dort auch deutsche Weihnachtslieder am Weihnachtslichtert schnell durch. Das Lied, das gesungen wurde, war von Ort zu Ort ein anderes. Besonders verbreitet war „Dies ist der Tag, den Gott gemacht“ nach der Melodie „Vom Himmel hoch, da komm ich her“. Vielfach üblich war auch „Kommt zusammen, Christi Glieder“. Daher hat die Christmette in vielen Gemeinden diesen Namen bekommen, man sprach kurz vom „Kommt zusammen“.

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